Transalp Innsbruck - Gardasee 3

(verfasst von Bert_1 am So 29. Jul. 2007)

Durch die Brenta ins Trentino und zum Gardasee

Tag 6: Ins Val di Sole und über die Brenta zum Lago die Tovel --- Heute verlassen wir Südtirol und passieren die Grenze ins italienischsprachige Trentino. Wir starten gleich mit Abfahrt: Genialer Trail, abwechslungsreich über Almwiesen, Schotterwege und steinige Pfade – sehr materialintensiv, fünf Platte zählen wir am Ende des Tages! Der Abfahrtsspaß endet in Dimaro im Rabbital. Von hier geht’s wieder bergan, zunächst auf schattigen Wegen entlang einer malerischen Schlucht in Richtung Madonna di Campiglio, dann – ungeschützt in der prallen Nachmittagssonne über die Schipiste hinauf in die Brenta. Immer wieder erschreckt mich, wie brutal der Mensch oft die Natur seinen Interessen unterwirft – rücksichtslos hat man die Schotterpiste in den Berg hineingebaut, alles was im Weg steht muss weichen, die Lifte tun ihr übriges zum Landschaftsbild. Zum Glück kann ich mich von dieser hässlichen Szenerie ablenken lassen indem ich meinen Blick in die Ferne schweifen lasse – von einmaliger Erhabenheit und Schönheit sind die Felstürme der Brenta und die Gletscherhänge von Adamello und Presanella im Hintergrund.

Am Scheitel des Passo Groste angekommen gönnen wir uns die verdiente Rast – es steht ja nur noch Abfahrt auf dem Programm heute – aber zu lange wollen wir auch nicht bleiben, denn für den Abend ist eine Seeankunft am Lago die Tovel angekündigt und wir wollen doch gerne mal wieder etwas Wasser an unsere vom Schweiß der letzten Tage verdreckten Körper lassen. Also brechen wir bald auf – die Abfahrt über das stark verkarstete Hochplateau verlangt uns alles ab – immer wieder zwingen hohe Stufen, scharfkantige Felsen und steile Schotterreißen zum Absteigen – manchen von uns auch unfreiwillig. Aber man wächst ja bekanntlich an der Herausforderung und das Mountainbiken in derart einsamer und einzigartiger Szenerie wird zum Hochgenuss. Egal in welche Richtung man den Blick wendet, überall ragen senkrechte Felswände auf und veranlassen mich Pläne für den nächsten Kletterurlaub schmieden – vom Höhrensagen wusste ich schon lange dass die Prenta gut für Felskletterer sein soll, aber dass es hier derart gigantische Wände gibt wird mir erst jetzt, da ich es selbst sehe klar.

Leider wird die Hochstimmung in der Gruppe wenig später etwas getrübt – inzwischen sind wir auf der steilen Schotterstraße angelangt, die in wenigen hundert Metern zum Tovelsee führt und lassen die Bikes dort richtig laufen. Als ich im hohen Tempo um eine Kurve biege sehe ich Thiemo am Wegrand stehen und winken – ich bremse ab und sehe gleich darauf den Grund: Michl ist in der Kurve der Vorderreifen weggerutscht und er ist gestürzt. Wegen der hohen Geschwindigkeit muss er einige Meter auf dem Kies dahingeschlittert sein ehe er zum liegen kam, ein Alptraumsturz. Wie durch ein Wunder hat sich Michel keine ernsthaften Verletzungen zugezogen – ein paar Schürfunden an den Armen, ein zerfetztes Triko und kaputte Handschuhe – schmerzhaft aber vergleichsweise harmlos; noch mal Glück gehabt – bitter nur der Zeitpunkt des Sturzes: gerade mal zwei Kurven später sehen wir vor der Herberge am Seeufer. Wir unversehrten stürzen uns ohne Umschweife ins Wasser, ich mach mir nicht mal die Mühe mein Leibchen auszuziehen – selbiges steht ohnehin fast vor Dreck – die ehemals weißen Ärmel haben bräunlich melierte Farbe angenommen, das ganze Kleidungsstück ist von Salzrändern überzogen und scheint doppelt so viel zu wiegen wie in sauberem Zustand. Das schwimmen im tiefblauen Wasser des Bergsees ist, zusammen mit dem folgenden Abendessen die perfekte Abrundung eines nahezu perfekten Tages.

Tag 7 Über den Termoncello Sattel zum Molveno See und nach Riva --- Plötzlich ist er da – der letzte Tag unseres Alpencrosses. Bevor wir die Brenta wieder verlassen gilt es den einzigen ernsthaften Anstieg des Tages zu bewältigen: über gut 700 hm gilt es zunächst auf die Malga Termoncello zurückzulegen, am Anfang ist die zwar steile Forststraße noch gut zu befahren, bald aber zwingt uns der schmale, steile Steig die Bikes auf den Rücken nehmen. Nach einer guten halben Stunde ist aber auch das geschafft und wir erreichen flache Almwiesen mit herrlichem Blick ins Tentino – schön ist zu sehen wie im Süden die Berge in immer sanftere Hügellandschaften übergehen. Nun folgt die letzte anspruchsvolle Abfahrt der Tour, noch mal ein schöner Singletrail. Die Abfahrt läuft gut, die gestiegene Routine der vergangenen Tage wird deutlich, ich fühle mich wohl und sicher im Sattel und meistere auch schwere Passagen zu meiner vollen Zufriedenheit – wie gewohnt läuft es auch bei Kämpfi gut und schnell und so fahren wir beide der Gruppe ein gutes voraus ehe wir nach einiger Zeit wieder auf die anderen warten.

Der Rest der Gruppe lässt auf sich warten – vielleicht ein Platter oder ein Sturz denken wir uns – dann kommt Frank und bestätigt unsere Befürchtungen – Michl ist gehanicapt und gehemmt vom Sturz am Vortag gefallen und hat sich am Finger verletzt, gebrochen wie wir leider vermuten müssen – so ein Mist am letzten Tag noch so was! Nachdem der Finger verbunden und behelfsmäßig geschient ist entschließen wir uns vorsichtig weiter abzufahren – immer schön langsam mit dann halt nur einer Hand an der Bremse. Zum Glück ist die Teerstraße nicht weit. Auch wenn die Bremsen ordentlich heißlaufen schlägt sich Michl tapfer und wir liefern ihn erfolgreich am nächsten Bahnhof ab, von wo er in Begleitung von Mark auch postwendend einen Zug erwischt der ihn zur ärztlichen Untersuchung ins Krankenhaus nach Trentino bringen soll. Wir hoffen das Beste und vereinbaren uns abends wieder in Riva mit den beiden zu treffen

Für uns heißt es jetzt in der größten Mittagshitze die Etappe zu Ende zu bringen. Durch Weinberge und Obstgärten größten Teils auf Asphalt sind noch einige Höhenmeter – 1100 insgesamt und eine ordentliche Strecke von 70 km zurückzulegen – Hügel auf Hügel ab, durch malerische Dörfer. Für angenehme und dringend notwendige Abkühlung sorgen die Sprenkelanlagen zur Bewässerung der Obstgärten, an denen wir im Vorbeifahren die eine oder andere Dusche nehmen können. Auch wenn die Hitze auslaugt, so bleibt einigen von uns immer noch Energie und Freude am Radfahren – am letzen richtigen Anstieg setze ich noch mal eine Attacke auf die Bergwertung, postwendend ziehen Kämpfi und Thiemo nach, lassen sich nicht abschütteln. Aber die Bergpunkte könne sie mir aber auch im kräfteraubenden Endsprint nicht mehr entreißen. Dann geht’s wieder bergab, am Molvenosee vorbei und dann auf einer alten Militärstraße mit einem letzten Anstieg hinüber ins Sarcatal. Am Toblinosee biegen wir auf die Straße nach Riva ein.

Langsam kommt Hochgefühl auf – es ist nicht mehr weit! 20 km Straße noch. Vorfreude auf den See und das Bier. Wir schmieden Pläne – erst in die Jugendherberge oder gleich zum Strand? Als wir um sieben Uhr abends in Riva einfahren sind alle froh, dass die Tour nun vorbei ist – es hat riesen Spaß gemacht, aber eine Quälerei war es schon! Wunde Hintern, blaue Flecken, geschundene Muskeln. Am Stand von Riva genießen wir das verdiente Bier, dann geht’s gemeinsam Pizzaessen – Michl und Mark sind auch schon da, Michl mit riesen Verband am Arm, aber zu unserer Freude ist der Finger doch nicht gebrochen sondern nur ausgerenkt gewesen – in wenigen Wochen sollte das wieder gut sein! Zum Abendessen lassen wir nochmals ordentlich auftischen und genießen den italienischen dolce vita. Am nächsten Morgen erholen wir uns am Stand, flanieren wir durch die Gassen Rivas und statten dem einen oder anderen Cafe einen Besuch ab, hier ein kühles Bier, dort einen Espresso oder auch mal einige Kugeln Eis. Der Abend kommt näher und unsere Wege trennen sich wieder. Einige gönnen sich noch einen Tag am Gardasee, die anderen steigen wieder aufs Rad, radeln nach Rovereto um von dort den Zug zurück nach Innsbruck zu nehmen.

Bilanz einer genialen Woche: 15500 Höhenmeter, 480 Kilometer, sieben Tage Sonne pur, sieben Platte, ein defekter Mantel, zwei gebrochene Speichen, ein gebrochenes Schaltauge, eine defekte Bremse, einmal Schürfwunden, ein ausgerenkter Finger, diverse blaue Flecken und wunde Stellen.

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