Mistral Hole - Eintauchen unter die Erde

(verfasst von Bert_1 am So 19. Aug. 2007)

Phansinierende Tour in eine Welt unter der Erde

Es regnet in Strömen, die Scheibenwischer des Kleinbusses den wir extra für diesen Trip angemietet haben arbeiten auf Hochtouren. Bald haben wir die Schnellstraße hinter uns gelassen, fahren nun auf einem schmalen Sträßchen, auf beiden Seiten eng begrenzt von Steinmauern hohen Hecken durch die Hügellandschaft. John gibt richtig Gas, es kommt schon vor dass das etwas klapprige Gefährt an einer Hügelkuppe etwas abhebt und uns bei der Landung ordentlich zusammenstaucht. Ich fühle mich nicht ganz wohl bei diesem Fahrstil und bin froh, als wir schließlich unser Ziel erreichen – eine schon recht heruntergekommene Hütte irgendwo im südlichen Yorkshire Naturpark, nördliches England.

Ich bin heute mit der Speleological Society unterwegs – einem Studentenclub dessen Passion darin besteht, abzutauchen ins Dunkel, in den Orcus, die Unterwelt, das Reich der Gnome und Trolle. Kurz Höhlen aller Art sind das Ziel der Begierde. Auch mich fasziniert die Welt unter der Erde schon seit langem und so nutze ich ohne langes Zögern die Gelegenheit einen Tag in einer der Höhlen des Yorkshire zu verbringen. Das Yorkshire kann durchaus als Mekka für Höhlenforscher angesehen werden: Die typisch englisch grüne Hügellandschaft scheint völlig ausgehöhlt und untertunnelt zu sein! Hunderte von Kilometern ist das unterirdische Netz lang, das Wasser und Verwitterung geduldig in den Kalkstein gefressen haben

Raus in den Regen! Aus großen Plastiksäcken kommt die Ausrüstung zum Vorschein und schnell verwandeln sich zuvor völlig normal aussehende Leute in froschartige Gestalten – in gelbe oder grünen Froschanzüge zwängen wir uns hinein, die eingetrockneten Dreckflecken auf Hosen und Jacken zeigen was uns erwartet obwohl Alex, der Zeugwart mir versichert, das Equipment werde nach jedem Trip ordentlich gewaschen. Dazu Gummistiefel, schwere Helme und Stirnlampen von enormem Ausmaß. Gegen die erwartete Kälte im dunklen und feuchten Untergrund habe ich Fließjacke und Hose unter die Regenkleidung gezogen. Dann watscheln wir los. Über einen Hügel geht es auf schmalem Pfad in Richtung Höhleneingang der Mistral Cave. Für einen Beobachter muss es ein komisches Schauspiel sein uns neun Gestalten durch das Hochmoor wanken zu sehen, aber hier in der Einöde ist weit und breit keine Menschenseele, die sich über uns amüsieren könnte.

Schließlich stehen wir vor einem Loch im Boden, das mit Brettern abgedeckt ist. Diese sind schnell entfernt und wir beginnen in den dunklen einige Meter senkrecht nach Unten führenden Schacht hinabzuklettern. Am Grund angelangt geht’s um die Kurve – eine starke Verränkung, die Füße voraus im ungewissen tastend, dann wieder Boden unter den Füßen. Wie ein Schlangenmensch ziehe ich den Oberkörper nach und bin in einer kleinen Höhle. Nachdem alle nachgekommen sind kriechen wir einer nach dem anderen durch ein kleines Loch am Boden weiter. Einige Meter lang ist der Tunnel.

Den Kopf muss ich schief legen, die Luft auspressen, sonst würde ich nicht durchpassen. Zentimeter für Zentimeter schiebe ich mich vor, einmal mit den Füßen drückend, dann wieder mit den Händen ziehend. Schließlich ist es geschafft und ich kann mich wieder aufrichten – wir sind in einer geräumigen Höhle angelangt, „the hobbit“ heißt sie. Ohne lange Pause geht es weiter, im feuchten Lehm kriechend und krabbelnd führ uns unser Weg durch das dunkle Labyrinth von Kammer zu Kammer. Eine märchenhafte Landschaft unter Tage tut sich mir auf: Im Licht der Stirnlampen erkenne ich Tropfsteine und Sinterterrassen, Kamine und immer wieder neue Höhlen, Hallen , Kammern. Längst habe ich die Orientierung verloren. Ich hoffe doch sehr dass meine Begleiter wissen wo wir sind und wie wir vor allem wieder rauskommen.

Ruth bleibt in einer Engen Passage stecken – kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück- aber mit schieben von vorne und zerren von hinten kann sie sich doch wieder aus ihrer verklemmten Lage befreien. Schließlich öffnet sich ein riesiger Raum vor uns – passend die große Halle genannt, wie mir John erläutert. Der Strahl der Lampen erreicht das andere Ende der Höhle nicht; Stalaktiten ragen von der Decke, glänzen golden im Scheinwerferlicht. Ich fühle mich versetzt in Tollkins Welt der Zwerge und Hobbits… Wir rasten eine Zeitlang – auf Absprache schalten wir die Lampen aus und sofort sind wir von tiefster Finsternis umfangen. Man kann die Hand vor den Augen nicht mehr erkennen! Es ist so dunkel dass sich die Augen nicht an die Finsternis gewöhnen. Es ist schwarz und bleibt schwarz. Eine unheimliche Stimmung.

Wir ziehen weiter – wieder mit Licht. Der Boden wird feuchter und lehmiger, lange schon ist die Kleidung feucht und klamm. Es ist feucht hier drinnen und mit jedem Schritt den wir uns weiter unter die Erde wagen wird es feuchter. Hände, Kleidung, Schuhe – alles ist von einer schwarzen Lehmkruste überzogen. Dann wieder eine Halle – hall of the Mountain King wird sie genannt. Der ganze Raum ist bedeckt von schwarzem Schlamm, oft über Knöcheltief! Der Boden fällt steil ab und es ist mühsam auf dem glitschigen Untergrund nach untern zu steigen ohne auszugleiten. Langsam verlieren wir alle Hemmungen. Ian macht vor wie es geht, hechtet sich mit Schwung in einen schwarzen Pool voll mit Schlamm, darauf entfesselt sich eine wilde Schlammschlacht.

Auch dieser Spaß hat irgendwann ein Ende, hier untern vergisst man leicht die Zeit. Wir müssen zurück nach oben… Also begeben wir uns auf den Rückweg und für mich völlig unerwartet stehen wir auf einmal wieder in der Eingangshöhle. Nochmals die Körperverrenkung, dann die wenigen Meter nach oben Klettern und wir sind wieder da, Luft, Licht, Weite. Dreckig wie wir sind zwingen wir uns zu einem kalten Bad im nahen Bach – in voller Montur, der Dreck muss ja wieder irgendwie runter! Bei der Heimfahrt lassen wir diesen so erlebnisreichen und eindrucksvollen Tag unter der Erde mit einer Pint Ale im nahe gelegenen Pub ausklingen.

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