Ready for Nature Magazin - Bergsport


Erfolg am Cho Oyu - Skiexpedition auf den sechsthöchsten Berg der Welt

Ein Jahr haben die Vorbereitungen in Anspruch genommen. Ein Jahr stand der Berg im Mittelpunkt unseres Lebens. Ein Jahr haben wir Sponsoren gesucht, organisiert, Ausrüstung besorgt und hart trainiert. Wir, drei junge Tiroler, haben uns zum Ziel gesetzt, eine Skiexpedition „by fair means“, also ohne Hochträger und künstlichen Sauerstoff, auf den 8201 m hohen Cho Oyu selbst zu organisieren. Um in Notfällen zwei Zweierteams bilden zu können, laden wir noch unseren Sherpafreund Tendi ein, uns zu begleiten. Er wird uns als normales Mitglied begleiten und nur seine eigene Ausrüstung tragen.

Am 23. August ist es dann so weit. Über Kathmandu, Zhangmu und Tingri reisen wir ins 4900 m hohe Chinese Basecamp (Fahrerlager). Von dort wandern wir mit Yaks ins eigentliche Basecamp auf etwa 5700 m. Für den Körper eigentlich zu hoch, um sich dauerhaft anzupassen und nach Belastung regenerieren zu können. Als Folge baut der Körper langsam aber stetig ab. Obwohl wir erst die zweite Gruppe am Berg sind, ist alles im Basecamp mit roten Fähnchen reserviert. Bis zu 50 Teams haben sich angekündigt. Massentourismus einer anderen Art. Wir sind erstaunt, wer sich aller einen 8000-er zutraut, als wir die langsam eintreffenden Gipfelaspiranten beobachten. Da wird im Basecamp noch schnell gelernt, wie man mit Steigeisen geht oder sich abseilt. Nach unserem ersten Materialtransport ins Camp 1 werden wir von Kunden eines namhaften deutschen Anbieters für kommerzielles Expeditionsbergsteigen gefragt, wie denn der Weg ist, weil man „nicht so trittsicher sei“.

 

Nachdem wir die Hochlager eingerichtet haben und uns im Basecamp für den Gipfelversuch erholen wollen, machen sich die Strapazen der vergangenen Wochen bemerkbar. In über 7000 m Höhe Lasten mit 20 kg zu schleppen, hat nichts Heroisches und nichts mit der romantischen Vorstellung von Himalayabergsteigen zu tun. Es ist schlicht eine unglaubliche Schinderei, bei der man kurzweilig jeden Blick für die Schönheit der Umgebung verliert. Aber immerhin haben wir es geschafft, unsere Lager selbst einzurichten. Als wir dann Richtung Gipfel starten wollen, setzt Schlechtwetter ein. Es stürmt und schneit. Unaufhörlich. Ein Woche lang sitzen wir in den Zelten und warteten ab, bis von Karl Gabl von der ZAMG in Innsbruck, dem an dieser Stelle herzlich gedankt sei, die erlösende Nachricht kommt. Ein kurzes Hoch mit mäßigem Wind. Nur ein paar Tage, dann sollen bereits die Jetstreams kommen. Der Monsun zu lang und die „Jets“ zu früh. Keine gute Saison! Viel Neuschnee, extreme Lawinengefahr und oberhalb von Camp 2 (7100 m) wurde noch nicht gespurt. Etwa die Hälfte aller Teams ist bereits ohne Gipfel abgereist. Man glaubte nicht mehr, dass sich nach den starken Schneefällen noch eine Gipfelchance ergeben würde. Aber am Cho Oyu eine Saison ohne einen einzigen Gipfelerfolg? Hier tummeln sich Kunden, die Ihren Veranstaltern bis zu 16000 USD pro Person zahlen, um mit Bergführer-, Sherpa- und Sauerstoffunterstützung diesen Berg zu besteigen. Im Endeffekt beschließen wir und sieben weitere kleine Teams, in dieser Phase zusammenzuarbeiten um so die Gipfelchance zu wahren. Das geschah dann auch so. Zwei große internationale kommerzielle Anbieter, von denen einer anfangs noch von allen (!) Bergsteigern im Basecamp eine Art Benutzungsgebühr für Fixseile zwischen Camp 1 und 2 (deren Wert und Notwendigkeit in Frage gestellt sei) kassieren wollte, nutzen die sich bietende Gelegenheit, bleiben am Berg (vielleicht auch auf Druck der Kunden) und profitierten schließlich von der Arbeit der kleinen Teams. Von Benutzungsgebühren wird jetzt nicht mehr gesprochen.

Aber zurück zum eigentlichen – das vorhergesagte Schönwetter stellt sich ein und wir brechen auf. Mit wenig Hoffnung zwar, weil wir in der Schlechtwetterphase krank wurden, aber probieren wollen wir es dennoch. Angina, Mittelohrentzündung, starker Husten und Schnupfen. In diesem Zustand hätten wir zu Hause nicht einmal das Bett verlassen. Jetzt aber sollen wir einen Achttausender besteigen? Für unseren Zustand kommen wir eigentlich ganz gut voran. Als wir am späten Nachmittag in Camp 2 aufbrechen, Camp 3 wollen wir nur für ein paar Stunden zum rasten nutzen, ist es bereits extrem kalt. Evi dreht kurz vor Camp 3 auf etwa 7450 m um und steigt in der Nacht wieder zu Camp 2 ab. Sie muss ihrem Infekt und der Kälte Tribut zollen. Der Abschied ist nicht einfach. Mit den Skitourenschuhen haben wir alle trotz Thermoinnenschuh, Thermokappen, Isolierfolie, Heizkissen, Dampfsperre etc. Probleme mit der Kälte. In Camp 3 kochen wir uns Tee und würgen ein paar Löffel Suppe hinunter. Um 2.30 starten wir wieder. Walter hat Angst um seine Zehen und dreht kurz vor dem gelben Band auf 7550 m um. Tendi klagt ebenfalls über Probleme mit den Zehen. Wir gehen aber weiter. Meine Zehen sind zwar kalt, ich kann sie aber bewegen und spüre sie noch. Also alles in Ordnung denke ich mir. Mit dem Gipfel rechne ich sowieso nicht mehr. Viel zu krank bin ich und meine Zehen will ich auch nicht verlieren, denke ich mir ständig. Das gelbe Band, ein sperrender Felsriegel in 7600 m Höhe ist einfacher als erwartet. Wir steigen weiter und weiter. Irgendwann denke ich gar nichts mehr und gehe einfach. Tendi ist ein gutes Stück hinter mir. Am Anfang des etwa ein Kilometer langen Gipfelplateaus setze ich mich in den Schnee und warte auf ihn. Wir sind gut in der Zeit. Eine Stunde später, um 10.15 am 1. Oktober stehe ich am Gipfel. Everest, Lhotse, Nuptse und Makalu tauchen am Horizont auf. Ich bin glücklich. Zwar kein Hochgefühl, aber auch keine Gleichgültigkeit. Ich freue mich einfach, dass es so schön ist hier heroben. Es ist fast windstill. Weil ich bei einer Rast meine Kamera verloren habe, bitte ich einen anderen Bergsteiger, Gipfelfotos von mir zu machen. Zum Glück kannte ich Ihn bereits aus dem Basecamp. Dann setze ich mich in den Schnee genieße den Ausblick, trinke und führe ein kurzes Telefonat mit dem Satellitentelefon. Tendi ist inzwischen auch angekommen.

 

Nach etwa 45 Minuten beginnen wir mit dem Abstieg. Um 13.00 kommen wir bereits im Camp 3 an. Nachdem wir gemeinsam mit Walter das Lager abgebaut haben, fahren wir mit Skiern zu Camp 2 zu Evi ab, wo wir schlafen. Hier merke ich auch, dass etwas mit meinen Zehen nicht stimmt. Außerdem bricht mein Infekt langsam so richtig durch. Ich merke, dass ich starkes Fieber bekomme. Am nächsten Tag bin ich fertig. Wegen dem Fieber bin ich einfach zu schwach um beim Abbauen des Lagers zu helfen. Ich habe Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Evi organisiert den Abbau und Abstieg. Jeder von uns hat jetzt zwei Rucksäcke mit je 15 Kilo. Ich schaffe es unmöglich, mit meinen 30 Kilo am Rücken abzufahren. Die teure Ausrüstung ist mir in diesem Moment egal – ich würde alles ohne Zögern liegen lassen. Ich will nur noch runter, so schnell wie möglich. Irgendwie bringt Evi die unmenschliche Leistung zu Stande, mir einen Rucksack abzunehmen und dann mit drei Rucksäcken mit insgesamt über 40 Kilo abzufahren. Weil ich in meinem Zustand unendlich langsam bin, müssen wir eine weitere Nacht in Camp 1 verbringen, bevor wir ins Basecamp absteigen können. Hier fangen meine Zehen an, ernste Probleme zu machen. Ich habe mir 5 Zehen erfroren. Die Füße sind inzwischen stark angeschwollen und schmerzen. Vor allem der lange Weg ins Basecamp wird zur Qual. Irgendwie schaffen wir es aber doch. Im Basecamp angekommen habe ich 40 Grad Fieber. Die Zehen verfärben sich bereits und bekommen Blasen. Aber wie man mir später in einer Privatklinik in Kathmandu sagt, wird man wahrscheinlich nichts amputieren müssen. Noch einmal muss ich mich überwinden, als wir zum Fahrerlager hinausgehen. Unendlich froh bin ich dann als ich im Jeep sitze. Zu Hause in Innsbruck verbringe ich ein paar Tage auf der Gefäßchirurge der Uniklinik und mache noch eine dreiwöchige Infusionstherapie, um die Zehen zu retten. Alles noch einmal gut gegangen. Und wir sind stolz, dass wir es geschafft haben. Es war zwar nur einer von uns am Gipfel, aber zu diesem Erfolg haben alle zu gleichen Teilen beigetragen. Von allen Teams haben wir keines gesehen, das wie wir keine Hochträger hatte. Und von allen Bergsteigern, die den Gipfel erreichten, verwendeten etwa 90 Prozent künstlichen Sauerstoff. Auch die Sherpas.

 

 

 

Teilnehmer:

Lukas Furtenbach, 29, Rinn in Tirol

Evelyn Holzer, 25, Rinn in Tirol

Walter Mair, 37, Rinn in Tirol

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